APRILGEDANKEN

Live is Life

von Markus A. Maesel · 30.04.2017 · 0 Kommentare

„Live is Life“ schallt es beim Donauinselfest 2015 in Wien von der großen Bühne über das Menschenmeer. „Live is Life“ steht in weißen Buchstaben als Mitsinghilfe auf dem schwarzen T-Shirt des Sängers der Popgruppe Opus. Der Endfünfziger hüpft und tänzelt in Turnschuhen über die Bühne, wie vor 30 Jahren, als das Lied zum nicht mehr einzufangenden Ohrwurm wurde. Er ist nur etwas rundlicher geworden und sein Haupthaar lichter. Coole Sonnenbrille, verwaschene Jeans. Die Aufschrift auf der Rückseite des T-Shirts „NaNa Na NaNa“ hilft dem Publikum bei dem schwierigeren zweiten Teil des Refrains über die Runden. Bei diesem Anblick fühle ich mich gleich viel jünger, zurückversetzt in Zeiten, als das Life noch nicht so live an mir nagte. Ich erinnere mich, dass damals bei einer sonntäglichen Radioshow ein erotomanischer Moderator „Steif is steif“ als seinen Refrain des Songs in den Äther brüllte. Ob Viagra inzwischen sein Life ist?

An Karfreitag sitze ich mit meiner Frau in der Notaufnahme des lokalen Krankenhauses: schwache Menschen im Rollstuhl, Infusionsflaschen, innere und äußere Schmerzen, zu wechselnde Verbände, Wunden. Wunden passen bekanntlich zu Karfreitag. Am Ostersonntag das gleiche Szenario. „Frohe Ostern“ ruft eine Krankenwagenfahrerin aufmunternd in die still leidend wartende Menschenmenge in der Notaufnahme. So viel fröhliches Life vertragen die meisten Anwesenden gerade live nicht, kein Nerv für Auferstehung. Zwei Tage später der Schock, ein langjähriger Redakteurskollege kommt kurz vor dem Ruhestand bei einem Autounfall ums Leben. In seinem letzten Zeitungskommentar hatte er sich noch mit „Was ich noch zu sagen hätte … Auf ein letztes Glas im Steh’n“ von seinen Lesern verabschiedet. Der Satz gewinnt plötzlich eine andere, endgültige Bedeutung. Life wie man es sich live nicht wünscht. Mir kommt die Osterpredigt in der Kirche in den Sinn. „Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber die Tage mit mehr Leben füllen“, sagte der Prediger. Damit „Live is Life“ erträglicher wird.

[Sehenswert: Opus – „Live is Life“ beim Donauinselfest 2015 – Video auf Youtube].

Kategorie(n): Sonstiges und Undefinierbares