CORONAVIRUS

Insektenhotels

von Markus A. Maesel · 26.04.2020 · 1 Kommentar

Das Coronavirus zerstört nicht nur die Lungenflügel seiner Opfer, sondern auch die Urlaubssehnsüchte der Solidargemeinschaft in Quarantäne. Mallorca, Antalya, Phuket, Neuseeland? Zerplatzende Seifenblasen für diesen Sommer. Erholung in deutschen Landen? Hotels sind nur für Geschäftsreisende erlaubt. Urlaub und Fluktuation finden nur noch in den zahlreichen aufgehängten und aufgestellten Insektenhotels in heimischen Gärten statt.

Die Etablissements aus Laubholz, Holzwolle, Stroh, Schilf, Bambus, Reisig, Torf und Lehm laden eine Artenvielfalt an Hummeln, Bienen, Wespen, Fliegen und Käfern zum dauerhaften Verweilen ein. Sogar zielgruppenorientierte „Ohrenwurmbungalows“ warten auf ihre Kundschaft. Ein Kloster für Marienkäfer gibt es noch nicht im Angebot. Sie müssen weiterhin mit 1,50 m Abstand auf Kirchenbänken sitzen. Wehmütig schauen die Menschen dem Insektentourismus in ihren Kleingärten zu; neidvolles, stellvertretendes Gönnen von Mobilität und Sägespänebuffets in mehrstöckigen, überdachten Insektenluxusanlagen.

Die Insektenbleibe in meinem Garten, das „Underdogs Inn“, ist dagegen eher auf Außenseiter mit schmalem Budget und geringen Ansprüchen ausgerichtet. Geschichtetes Holz von zersägten Weihnachts- und Hibiskusbäumchen, dazwischen trockenes Laub vom Vorjahr, welkendes Gras und Unkraut, entsprechen schon lange nicht mehr dem von Baumärkten gesetzten Insektentourismusstandard. Gelegentlich verkehren in meiner bescheidenen Öko-Absteige Hippiefeuerwanzen mit imaginären langen Haaren und schwarzen martialischen Tattoos auf ihren mit Sonnenbrand geröteten Rücken. Einzeln und als Gang. In der Gruppe zeigen sie sich als raue Gesellen, drängelnd und schubsend, ständig zu einem Quickie in der Öffentlichkeit aufgelegt. Schnell ziehen sie weiter an Orte mit wohlschmeckenderen Früchten von Malvengewächsen, das „Underdogs Inn“ bleibt eine Durchgangsstation.

Die vom Namen her akademisch wirkenden Xylobionten würden eine einfache Herberge mit solchen Gästen nie betreten, das Totholz in der Unterkunft nicht einmal mit der Zange berühren. Herrgottskäfer würden vor Schreck sich bekreuzigend davonrennen, Prachtkäfer um ihren Ruf fürchten, Eremitenkäfer sich um ihre innere Stille sorgen. Dem „Underdogs Inn“ ist daher ganz unabhängig von Corona keine lichte Zukunft beschert. Aber vielleicht lässt sich mit staatlichen Coronabeihilfen das Ende etwas aufschieben. Das Geld sollte zumindest noch für eine Feuerwanzenabschiedsparty reichen. Mit blinkenden Tattoos in der Spätnachmittagssonne.

Kategorie(n): Gesellschaftliches und Wirtschaftliches, Tierisches und Pflanzliches